Wenn niemand krank ist: Warum tiefe Fehlzeiten für KMU ein Warnsignal sein können

Wenige Krankmeldungen gelten als Zeichen guter Führung. Neue Schweizer Auswertungen deuten auf das Gegenteil hin: Wo Mitarbeitende krank arbeiten, steigt langfristig das Ausfallrisiko. Mentale Gesundheit wird damit zur Führungsaufgabe, nicht zur freiwilligen Sozialleistung.

Eine Kennzahl, die trügt

Viele KMU messen ihren Erfolg auch an der Absenzenquote. Tiefe Fehlzeiten gelten als Beleg für Motivation, gute Führung und ein gesundes Team. Ein ausgefallener Mitarbeiter kostet zudem Geld, oft mehrere hundert Franken pro Tag.

Doch die Zahl allein sagt wenig aus. Wie der Blick berichtet, können gerade sehr wenige Krankmeldungen auf ein belastetes Arbeitsklima hindeuten. Der Grund heisst Präsentismus: Mitarbeitende arbeiten trotz Krankheit weiter, im Büro oder im Homeoffice.

Wenn schwache Führung die Fehltage senkt

Ein Befund macht das Problem konkret. Eine aktuelle Studie der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften untersuchte Spitex-Organisationen. Dort, wo Vorgesetzte schlechter bewertet wurden, lagen die Krankheitstage tiefer als in Teams mit guter Führung.

Die Erklärung ist unangenehm. Unter Druck, aus Loyalität oder aus Angst vor Konsequenzen erscheinen Mitarbeitende auch krank zur Arbeit. In der Forschung heisst dieses Verhalten «Krankheitsscham». Kurzfristig bleibt der Betrieb stabil, langfristig wachsen Erschöpfung und Burnout-Risiko.

Was Mitarbeitende wirklich krank macht

Das Arbeitsumfeld spielt eine zentrale Rolle. Eine gemeinsame Auswertung von Swica und dem Kompetenzzentrum Work Med zeigt laut Blick: 57 Prozent aller psychisch bedingten Arbeitsunfähigkeiten werden durch Konflikte am Arbeitsplatz ausgelöst.

Die Folgen sind teuer und menschlich hart. Psychische Krankschreibungen dauern im Schnitt rund 218 Tage, also mehr als sieben Monate. In etwa der Hälfte der Fälle folgt der Verlust der Stelle. Der Wiedereinstieg gelingt danach oft nur schwer.

Die Kosten steigen, aber leise

Der Trend läuft in die falsche Richtung. Gesundheitsbedingte Absenzen stiegen zwischen 2010 und 2024 von 6,3 auf 8,5 Tage pro Vollzeitstelle, ein Plus von über einem Drittel. Das entspricht Kosten von rund 12 Milliarden Franken pro Jahr, etwa 1,5 Prozent des Bruttoinlandprodukts.

Auch in den Betrieben kommt das an. Laut der KMU-Arbeitsmarktstudie der AXA, über die watson berichtet, meldeten 42 Prozent der KMU in den letzten fünf Jahren gestiegene Kosten durch Personalausfälle. Bei grösseren KMU sind es sogar 62 Prozent. Zugenommen haben besonders Ausfälle wegen psychischer Belastung.

Der Hebel liegt in der Führungskultur

Hier zeigt dieselbe Studie den entscheidenden Punkt. Betriebe, die auf Freiheit und Eigenverantwortung setzen, berichten deutlich seltener von psychisch bedingten Ausfällen. Der Wert liegt bei 27 Prozent gegenüber 43 Prozent in Unternehmen ohne dieses Führungsprinzip.

Zwischen Anspruch und Handeln klafft jedoch eine Lücke. Zwei Drittel der KMU sehen die mentale Gesundheit als Führungsaufgabe. Trotzdem ergreift ein Viertel gar keine gezielten Massnahmen gegen psychisch bedingte Fehlzeiten. Das Problem ist erkannt, die Reaktion fehlt.

Was das für Ihre Führung bedeutet

Lesen Sie die Absenzenquote neu. Eine sehr tiefe Zahl ist kein Ruhekissen, sondern ein Anlass zum Hinschauen. Fragen Sie sich, ob Ihre Leute gesund fehlen dürfen oder krank erscheinen müssen.

Setzen Sie an drei Punkten an. Machen Sie Abwesenheit bei Krankheit ausdrücklich legitim, damit Präsentismus nicht zur Norm wird. Bearbeiten Sie Konflikte im Team früh, denn sie sind der grösste Treiber psychischer Ausfälle. Und geben Sie Führungskräften klare Verantwortung für das Klima, nicht nur für die Zahlen.

Wie Sie Mitarbeitende halten und Führung zur Chefsache machen, vertiefen wir in unserem Beitrag zur Mitarbeiterbindung als Führungsaufgabe sowie in der Auswertung der AXA-Arbeitsmarktstudie 2026. Den fachlichen Austausch dazu bietet auch unser Partner Swiss Leaders. Persönlich diskutieren Sie diese Fragen an den Seminartagen des KMU Leaders Campus.

Mentale Gesundheit ist damit kein Wohlfühlthema, sondern harte Betriebswirtschaft. Wer die Führungskultur ernst nimmt, senkt Ausfälle, hält Wissen im Haus und stärkt seine Arbeitgebermarke.

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