Die Schweizer Unternehmen planen für 2027 im Schnitt 1,2 Prozent mehr Lohn. Die Arbeitnehmerseite fordert 1,5 Prozent. Für KMU entscheidet sich in den nächsten Wochen weniger die Höhe als die Frage, wer wie viel bekommt.
Die Lohnrunde 2027 hat begonnen. Am 16. August berichtete die NZZ über eine neue Erhebung der Konjunkturforschungsstelle KOF der ETH Zürich. Rund 3500 Firmen aus dem Privatsektor gaben an, die Löhne 2027 im Schnitt um 1,2 Prozent zu erhöhen.
Zwei Wochen zuvor hatte die Arbeitnehmerorganisation Angestellte Schweiz ihre Forderung publiziert. Sie verlangt durchschnittlich 1,5 Prozent, differenziert nach Branche und Unternehmenslage. Der Abstand beträgt also drei Zehntelprozentpunkte. Gemessen an früheren Jahren ist das wenig Konfliktstoff.
Interessanter als der Durchschnitt sind die Ausschläge. Im Baugewerbe rechnen die Firmen laut KOF mit nominal 2,0 Prozent, nach 1,6 Prozent im Vorjahr. Bei den Banken sank die Erwartung von 1,4 auf 0,8 Prozent. Ein branchenblinder Vergleich hilft Ihnen darum wenig.
Wer die Lohnrunde bisher über den Teuerungsausgleich begründet hat, verliert dieses Jahr sein Hauptargument. Im Juli lag die Jahresteuerung laut Bundesamt für Statistik bei 0,4 Prozent. Der Landesindex der Konsumentenpreise sank gegenüber dem Vormonat sogar um 0,1 Prozent.
Für 2027 erwartet die KOF rund 0,5 Prozent Inflation. Die befragten Unternehmen selbst rechnen mit 1,1 Prozent. Angestellte Schweiz geht von 0,7 Prozent aus und verweist zusätzlich auf steigende Krankenkassenprämien.
Ein nominales Plus von 1,2 Prozent fühlt sich für viele Mitarbeitende nach null an. Wer das nicht erklärt, verliert Wirkung, obwohl er zahlt.
Diese Spannbreite ist der eigentliche Knackpunkt. Ihre Mitarbeitenden erleben Kosten über Prämien, Mieten und Nebenkosten, nicht über den Warenkorb.
Auf den ersten Blick sinkt der Druck. Ende Juli waren 139’276 Personen bei den Regionalen Arbeitsvermittlungszentren als arbeitslos gemeldet. Die Quote stieg auf 3,0 Prozent, saisonbereinigt verharrte sie bei 3,1 Prozent. Gegenüber dem Vorjahr sind das 7,8 Prozent mehr Arbeitslose.
Bei den KMU kommt diese Entspannung kaum an. Die KMU-Arbeitsmarktstudie der AXA, durchgeführt vom Forschungsinstitut Sotomo, nennt den Arbeitskräftemangel bei 41 Prozent der Betriebe als zentrales Problem. Im produzierenden Gewerbe stieg der Anteil der Firmen mit Rekrutierungsproblemen seit 2022 von 45 auf 65 Prozent.
Mehr Stellensuchende bedeuten also nicht mehr passende Bewerbungen. Für Schlüsselfunktionen konkurrieren Sie weiterhin mit denselben Arbeitgebern wie vor zwei Jahren. Angestellte Schweiz beziffert allein den Zusatzbedarf der MEM-Industrie bis 2031 auf rund 83’000 Fachkräfte.
Erstens: differenzieren statt giessen. Ein Prozent über die gesamte Lohnsumme kostet gleich viel wie zwei Prozent auf die Hälfte der Belegschaft. Die Wirkung auf die Bindung ist aber nicht dieselbe. Definieren Sie vorab, welche Funktionen bei einem Abgang am teuersten würden. Dass Bindung ohnehin selten am Lohn allein hängt, haben wir im Beitrag zur Mitarbeiterbindung als Führungsaufgabe gezeigt.
Zweitens: das Gesamtpaket rechnen. Angestellte Schweiz fordert neben Lohn auch verbindliche Weiterbildungsbudgets mit Schwerpunkt künstliche Intelligenz. Für ein KMU mit engem Spielraum ist das eine reale Alternative. Ein gezielter Kurs für 2000 Franken kann stärker binden als 40 Franken mehr im Monat.
Drittens: Kriterien vor Zahlen kommunizieren. Erklären Sie im September, wie entschieden wird, nicht erst im Dezember, wie entschieden wurde. Wer die Logik kennt, akzeptiert auch eine tiefe Zahl eher. Wo kantonale Mindestlöhne gelten, prüfen Sie zusätzlich die Untergrenzen, wie in unserer Übersicht zum Mindestlohn-Flickenteppich beschrieben.
Legen Sie Ihr Lohnbudget vor den Einzelgesprächen fest, nicht danach. Prüfen Sie pro Funktion den Marktwert, nicht nur die interne Historie. Trennen Sie generelle Anpassung und individuelle Leistungskomponente sauber voneinander. Halten Sie schriftlich fest, was Sie neben Geld anbieten: Weiterbildung, Pensum, Verantwortung, Arbeitszeitmodell.
KOF-Ökonom Michael Siegenthaler ordnet die Zahlen gegenüber der NZZ als respektabel ein, gemessen an Belastungen wie den US-Zöllen und der geopolitischen Lage. Das gilt auch in die andere Richtung. Wer 2027 gar nichts gibt, fällt in einem Umfeld auf, in dem der Durchschnitt zulegt.
QUELLEN
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