Comparis erwartet für 2027 ein Prämienplus von 3,7 Prozent, deutlich weniger als in den Vorjahren. Für KMU-Führungspersonen ist das eine Atempause, kein Grund zur Entspannung. Reallohn, Mitarbeiterbindung und ...
Mitte Mai hat der Vergleichsdienst Comparis seine Prognose für die Krankenkassenprämien 2027 vorgelegt. Wie SRF berichtet, soll die durchschnittliche Monatsprämie für die Grundversicherung um 14.55 Franken auf 407.85 Franken steigen, ein Plus von 3,7 Prozent. Das wäre der schwächste Anstieg seit Jahren. Im laufenden Jahr lag das Plus bei 4,4 Prozent, im Vorjahr bei 6 Prozent, davor zweimal über 6,5 Prozent.
Comparis-Experte Felix Schneuwly spricht von einer Annäherung an die effektive Kostenwahrheit nach drei aufeinanderfolgenden Prämienschocks. Die Hauptkostentreiber sind laut Schneuwly die Erweiterung des Leistungskatalogs, neue teure Medikamente und die Verlagerung von stationären zu ambulanten Behandlungen.
Die Prognose steht nicht ohne Widerspruch. Wie die Neue Zürcher Zeitung berichtet, beurteilt das Bundesamt für Gesundheit die Comparis-Zahlen skeptisch. Es verweist auf weiter wachsende Behandlungsmengen, neue Therapien und steigende Kosten in der Langzeitpflege. Selbst Schneuwly nennt ein Risiko: Die Kapitalrenditen der Krankenkassen lagen 2025 bei 5,4 Prozent, deutlich über dem Zehnjahresschnitt von 1,6 Prozent.
Brechen diese Polster weg, etwa wegen geopolitischer Turbulenzen, dürften die Prämien stärker steigen als die heutige Prognose zeigt. Die definitive Ankündigung des BAG erfolgt klassisch im September. Bis dahin ist die Comparis-Zahl eine Indikation, kein Beschluss.
Krankenkassenprämien laufen formal über die Privathaushalte, treffen jedes KMU aber auf dem Umweg der Lohnverhandlung. Wie der Blick festhält, fällt der Anstieg zwar moderater aus als zuletzt, dürfte aber erneut die Kaufkraft belasten, weil die Prämien in den letzten Jahren rascher gestiegen sind als die Löhne. Mitarbeitende kommen damit im Schnitt mit weniger Realeinkommen aus dem Jahr, als sie hineingegangen sind.
Wer das in der Lohnpolitik ignoriert, verliert kritische Talente. Wie das SECO im jüngsten Monatsbericht festhält, lag die Arbeitslosenquote im April bei 3,0 Prozent und damit zwar leicht unter dem Vormonat, im Vergleich zum Vorjahr aber um knapp zehn Prozent höher. Der Schweizer Arbeitsmarkt sendet doppelte Signale: er ist weniger eng als noch vor einem Jahr, bleibt aber bei Schlüsselrollen unverändert anspruchsvoll.
Erstens: Reallohn-Logik einführen. Wer in der Geschäftsleitung nur nominale Erhöhungen diskutiert, blendet aus, was bei der Belegschaft ankommt. Stellen Sie für Schlüsselrollen die Reallohn-Entwicklung der letzten drei Jahre zusammen, inklusive Prämien-Effekt. Das schärft die Diskussion und priorisiert die Mittel dort, wo Bindung am stärksten gefährdet ist.
Zweitens: Benefits jenseits des Bruttolohns prüfen. Beiträge an Krankenkassenprämien für Mitarbeitende, Kollektivverträge mit Rabatt, Verbesserungen bei der Krankentaggeldversicherung oder steueroptimierte Mobilitätsbeiträge wirken bei der Belegschaft oft stärker als kleine Lohnschritte, ohne die Lohnsumme strukturell zu erhöhen. Solche Bausteine lassen sich häufig mit dem bestehenden Vorsorge- und Versicherungspartner aufsetzen.
Drittens: Transparent kommunizieren. Bevor die Prämien für 2027 im Herbst publik werden, sollten Sie Ihre eigene Lohn- und Benefit-Logik erklären können. Wer im Oktober reagiert, verliert Vertrauen. Wer im Mai erklärt, baut Vertrauen auf. Eine kurze Information an die Belegschaft zur eigenen Logik wirkt mehr als drei Lohnvergleiche im November.
Die Schweiz hat sich an Prämienschocks gewöhnt. Die 3,7 Prozent für 2027 sind eine Atempause, kein Wendepunkt. Für KMU-Führungspersonen liegt der Unterschied nicht in der Prozentzahl, sondern in der Reaktion. Wer Reallohn, Benefits und Kommunikation zusammendenkt, kommt aus der reinen Defensive heraus. Aus einem politischen Dauerthema wird so eine konkrete Führungsentscheidung mit messbarem Effekt auf die Mitarbeiterbindung.
Quellen
Weiterführende Beiträge
Wir verwenden Cookies, um kmu-leaders.ch sicher zu betreiben, die Nutzung anonym auszuwerten (Google Analytics 4) und unsere Kommunikation zu verbessern. Du kannst selbst wählen, welche Cookies erlaubt sind.