27 statt 43 Prozent: Warum Führungskultur zum Kostenfaktor wird

Vier von zehn Schweizer KMU zahlen heute mehr für Personalausfälle als vor fünf Jahren. Die neue KMU-Arbeitsmarktstudie zeigt dabei einen Zusammenhang, der bisher wenig Beachtung fand. Wo Mitarbeitende Eigenverantwortung tragen, sind psychisch bedingte Ausfälle deutlich seltener.

Die Zahl, die Ihre Erfolgsrechnung betrifft

Am 20. August hat die AXA ihre KMU-Arbeitsmarktstudie 2026 veröffentlicht. Das Forschungsinstitut Sotomo befragte dafür 336 KMU aus der Deutschschweiz und der Westschweiz. Ein Befund sticht heraus: 42 Prozent der Betriebe melden gestiegene Kosten für Fehlzeiten. Bei den grösseren KMU mit 50 bis 250 Mitarbeitenden sind es sogar 62 Prozent.

Das Wirtschaftsportal Moneycab ordnet die Zahlen als betriebswirtschaftliches Risiko ein, nicht als HR-Thema. Für einen Betrieb mit 30 Mitarbeitenden gilt: Zwei längere Ausfälle gleichzeitig sind kein Personalproblem mehr. Sie sind ein Lieferproblem, ein Margenproblem und oft ein Kundenproblem.

Der Unterschied von 16 Prozentpunkten

Die interessanteste Zahl der Studie steht nicht in den Schlagzeilen. Sie betrifft die Führung. Unternehmen, die Freiheit und Eigenverantwortung als wichtiges Führungsprinzip nennen, berichten zu 27 Prozent von psychisch bedingten Ausfällen. Bei Betrieben ohne dieses Leitprinzip liegt der Anteil bei 43 Prozent.

Das ist ein Unterschied von 16 Prozentpunkten. Wie das Fachportal HZ Insurance festhält, beeinflusst die Führungskultur die Personalausfälle damit stark. Vorsicht ist trotzdem angebracht: Die Studie zeigt einen Zusammenhang, keinen Beweis für Ursache und Wirkung. Gut geführte Betriebe unterscheiden sich meist in mehr als nur einem Merkmal.

Trotzdem bleibt der Befund für Sie relevant. Eigenverantwortung wirkt gemäss Studienlage wie ein psychologischer Puffer. Sie verhindert Belastung nicht, aber sie verändert, wie ein Team damit umgeht.

Psychische Ausfälle haben in drei Jahren um zehn Punkte zugelegt

Gut ein Drittel der befragten KMU ist mittelmässig oder stark von Ausfällen betroffen, die auf die mentale Verfassung zurückgehen. Gegenüber 2023 entspricht das einer Zunahme von zehn Prozentpunkten, von 25 auf 35 Prozent.

Die genannten Ursachen sind aufschlussreich. 46 Prozent der Betriebe nennen private Belastungen als häufigsten Faktor. 36 Prozent identifizieren eine zu hohe Arbeitsbelastung. Danach folgen Konflikte im Team oder mit Vorgesetzten sowie mangelnde Wertschätzung.

Zwischen den beiden Führungstypen verschiebt sich die Diagnose. Betriebe mit Eigenverantwortungs-Prinzip nennen häufiger die Arbeitslast (41 gegen 32 Prozent). Betriebe ohne dieses Prinzip nennen häufiger fehlende Wertschätzung (27 gegen 16 Prozent).

Die eigentliche Lücke: Wissen ohne Handeln

Zwei Drittel der befragten Unternehmen (66 Prozent) halten Führungskräfte für entscheidend beim mentalen Wohlbefinden der Belegschaft. Das Problembewusstsein ist also da. Bei den Massnahmen sieht es anders aus.

Der Anteil jener KMU, die gezielt auf eine offene Feedbackkultur setzen, ist seit 2023 von 35 auf 28 Prozent gesunken. Die Schulung von Vorgesetzten liegt bei 11 Prozent, die Förderung von Ernährung und Bewegung bei 14 Prozent. Jedes vierte KMU ergreift nach eigenen Angaben gar keine spezifischen Massnahmen. Die Nachrichtenagentur AWP fasst es auf cash nüchtern zusammen: Die Kosten steigen, das Engagement verharrt auf dem Niveau von vor drei Jahren.

Diese Lücke ist die eigentliche Nachricht der Studie. Nicht fehlendes Wissen ist das Problem, sondern fehlende Umsetzung.

Der Arbeitsmarkt verzeiht Ausfälle nicht mehr

Der Kontext verschärft die Lage. Die Erwerbslosenquote ist im zweiten Quartal 2026 gegenüber dem Startquartal leicht zurückgegangen, wie Moneycab berichtet. Ein entspannter Arbeitsmarkt sieht anders aus.

Für Sie heisst das: Ein Ausfall lässt sich nicht schnell durch eine Neueinstellung kompensieren. Die Rekrutierungszeit ist länger als die Belastungsspitze im Team. Wer Ausfälle nicht verhindert, zahlt sie doppelt, über Ersatzkosten und über die Mehrbelastung der Bleibenden.

Drei Ansatzpunkte für die nächste GL-Sitzung

Erstens: Entscheidungsräume prüfen. Fragen Sie konkret, welche Entscheidungen Ihre Teamleitenden ohne Rückfrage treffen dürfen. Wenn die Liste kurz ist, liegt dort ein Hebel. Eigenverantwortung entsteht durch Kompetenzen, nicht durch Leitbilder.

Zweitens: Führungskräfte schulen. Elf Prozent der KMU tun das gemäss Studie. Das ist tief genug, um daraus einen Vorsprung zu machen. Sensibilisierte Vorgesetzte erkennen Belastungsmuster früher, und frühe Gespräche sind günstiger als lange Ausfälle.

Drittens: Feedback wieder verbindlich machen. Der Rückgang von 35 auf 28 Prozent zeigt, dass Feedbackkultur im Alltag als Erstes wegfällt. Ein fixer Rhythmus schützt sie besser als guter Wille.

Genau diese Fragen bearbeiten wir am KMU Leaders Campus. In den ganztägigen Seminartagen geht es um Führungsentscheide unter realen Bedingungen, im Austausch mit Verantwortungsträgerinnen und Verantwortungsträgern aus anderen Betrieben. Die kompakten Campus Impulse am Abend greifen einzelne Themen heraus, wenn ein ganzer Tag nicht in Ihren Kalender passt.

Was bleibt

Personalausfälle sind für 42 Prozent der KMU teurer geworden. Führungskultur korreliert messbar mit psychisch bedingten Fehlzeiten. Und ein Viertel der Betriebe tut nichts dagegen. Die ersten beiden Punkte können Sie nicht direkt steuern. Den dritten schon.

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