Ab dem 2. August 2026 gilt eine Pflicht, die viele Schweizer KMU unterschätzen. Wer Kundinnen oder Nutzer im EU-Raum bedient, muss KI-generierte Inhalte und Chatbots ab dann klar kennzeichnen.
Viele Unternehmerinnen und Unternehmer glauben, der EU AI Act betreffe nur Firmen in der Union. Diese Annahme ist gefährlich. Die Verordnung wirkt extraterritorial: Entscheidend ist nicht Ihr Standort, sondern wo die Ergebnisse Ihrer KI-Systeme genutzt werden.
Wie die Digitalberatung IgniTech festhält, fällt bereits ein Treuhänder in Aarau unter die Regeln, sobald er KI-generierte Berichte an Kunden in Deutschland schickt. Auch ein Onlineshop mit Käuferinnen in Österreich ist betroffen. Wer ausschliesslich Schweizer Kundschaft bedient und nichts in die EU liefert, hat vorerst wenig Handlungsbedarf.
Im Mai brachte ein Kompromiss Bewegung in den Fahrplan. Mit dem am 7. Mai 2026 beschlossenen «Digital Omnibus»-Paket verschob die EU die schweren Hochrisiko-Pflichten auf Ende 2027 und 2028. Das war für viele eine Erleichterung, doch ein Teil greift trotzdem ab August.
Konkret betroffen ist die Transparenzpflicht für generative KI. KI-generierte Inhalte müssen als solche erkennbar sein. Antworten eines Chatbots, die automatisch an Kunden gehen, brauchen einen Hinweis. Auch Marketingtexte, die unverändert aus einem Sprachmodell stammen, fallen darunter. Für bestehende Systeme läuft laut IgniTech eine Übergangsfrist bis Dezember 2026.
Beim Begriff Hochrisiko-KI fürchten viele Führungskräfte sofort einen grossen Aufwand. Meist zu Unrecht. Die Kategorie ist eng definiert.
Wie die Datenschutzkanzlei SIDD erläutert, gelten als hochriskant etwa biometrische Erkennung, automatisierte Kreditentscheide, kritische Infrastruktur sowie HR-Software, die Bewerber eigenständig aussortiert. Ein Bewerber-Screening-Tool fällt damit klar darunter. Ein Chatbot für Kundenfragen, ein Schreib-Copilot oder die KI-gestützte Rechnungsverarbeitung zählen dagegen zur Niedrigrisiko-Klasse. Für diese gilt einzig die Transparenzkennzeichnung.
Eine Regel wird oft übersehen: Seit dem 2. Februar 2025 gilt die AI-Literacy-Pflicht nach Artikel 4. Sie verlangt von jedem Unternehmen, das KI einsetzt, dass die betroffenen Mitarbeitenden im sicheren Umgang damit geschult sind.
Das Gesetz schreibt kein bestimmtes Format vor. Entscheidend ist der Nachweis: In Personalakten und Schulungsregistern muss belegbar sein, dass relevante Mitarbeitende geschult wurden. Wer im Team SIDD zufolge ChatGPT, Copilot oder Claude nutzt, braucht eine dokumentierte interne Schulung. Diese Aufgabe verträgt keinen weiteren Aufschub.
Das Omnibus-Paket hat die Lage für KMU spürbar entschärft. Die vereinfachte Compliance gilt neu bis 750 Mitarbeitende und 150 Millionen Euro Jahresumsatz. Zuvor lag die Grenze bei 250 Mitarbeitenden und 50 Millionen Euro.
Für die meisten Schweizer KMU heisst das: Eine interne Selbstbewertung genügt, ein externes Audit ist nicht nötig. Das nimmt einen Grossteil des administrativen Drucks weg. Wer dennoch unter Hochrisiko fällt und in den EU-Markt liefert, hat bis Ende 2027 Zeit für die vollständige Dokumentation.
Die Sanktionen verlangen Aufmerksamkeit auf oberster Ebene. Verstösse gegen die Verbote können laut der Fachplattform Quantum Digital mit bis zu 35 Millionen Euro oder 7 Prozent des weltweiten Jahresumsatzes geahndet werden. Bei sonstigen Pflichten sind es bis zu 15 Millionen Euro oder 3 Prozent.
Solche Beträge machen Compliance bei KI zur strategischen Priorität, nicht zur reinen IT-Frage. Korrekte Kennzeichnung schafft zudem Vertrauen bei Kunden und Partnern im europäischen Markt. Wer früh handelt, verwandelt eine Pflicht in einen Reputationsvorteil.
Der Einstieg ist einfacher als gedacht. Nehmen Sie sich eine Stunde und erstellen Sie ein KI-Inventar: Welche Tools sind im Einsatz, von ChatGPT über Copilot bis zu automatisierten E-Mails und Chatbots? Erst diese Liste zeigt, worüber überhaupt zu reden ist.
Bestimmen Sie danach für jedes System die Risikoklasse, mit besonderem Blick auf HR, Kredit und Kundensegmentierung. Prüfen Sie drittens, ob etwas ungekennzeichnet an Kundschaft geht, und ändern Sie das bis August. Dokumentieren Sie viertens Ihre AI-Literacy-Schulungen. Wer dabei auf Systeme stösst, die selbstständig über Kredite oder Bewerber entscheiden, holt juristischen Rat.
Genau solche Governance-Fragen vertieft der KMU Leaders Campus an seinen Seminartagen. Wie KI im Führungsalltag konkret wirkt, hat die Redaktion zudem im Beitrag «KI in KMU: Führung schlägt Technologie» beleuchtet. Beide Perspektiven gehören zusammen: Wer KI nutzt, muss sie auch verantworten.
QUELLEN
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