Arbeitskräfte 60 plus: Die übersehene Talentreserve der KMU

Der Schweiz fehlen in den nächsten zehn Jahren bis zu 400’000 Arbeitskräfte. Eine neue Studie zeigt: Arbeitgeber schätzen ihre Mitarbeitenden über 60 hoch, tun aber wenig, um sie zu halten. Für KMU-Führungspersonen liegt hier die am schnellsten verfügbare Reserve.

Hohe Wertschätzung, wenig System

Die Zahlen stammen aus einer aktuellen Erhebung des Arbeitgeber-Netzwerks focus50plus, durchgeführt von der Alixio Group Switzerland. Wie die Fachplattform HR Today berichtet, bestätigen die befragten Arbeitgebenden den Wert ihrer älteren Mitarbeitenden klar. 82 Prozent nennen langjährige Erfahrung und Know-how als Gewinn. 67 Prozent heben Verantwortungsbewusstsein und Loyalität hervor, 66 Prozent die Fachkompetenz. Mehr als die Hälfte schätzt die gewachsenen Netzwerke zu Kunden und Partnern.

Die Kehrseite: Konkrete Massnahmen bleiben die Ausnahme. Nur 20 bis 30 Prozent der Unternehmen stellen gezielt Personen über 60 ein, planen Pensionierungen individuell oder investieren in den Erhalt der Arbeitsfähigkeit. Bei 82 Prozent der Betriebe erfolgt die Pensionierung mehrheitlich exakt beim Referenzalter. Die Wertschätzung ist da. Ein System dahinter fehlt.

Die Zahlen im Überblick: 400’000 Arbeitskräfte fehlen der Schweiz gemäss Nationalbank innert zehn Jahren. 82 Prozent der Arbeitgeber schätzen die Erfahrung ihrer Mitarbeitenden 60 plus. Aber nur 20 bis 30 Prozent setzen konkrete Massnahmen um, etwa Neueinstellungen oder individuelle Laufbahnplanung.

Warum das Thema auf den Tisch der Geschäftsleitung gehört

Hintergrund ist die Demografie. Gemäss einer Analyse der Schweizerischen Nationalbank entsteht durch die Pensionierung der Babyboomer in den nächsten zehn Jahren eine Lücke von bis zu 400’000 Arbeitskräften. Grossunternehmen kontern mit Employer Branding und internationaler Rekrutierung. KMU haben diese Budgets selten. Sie haben dafür einen anderen Vorteil: kurze Wege, direkte Beziehungen und flexible Strukturen. Genau diese Faktoren entscheiden, ob erfahrene Mitarbeitende mit 63 gehen oder mit 68 noch da sind.

Fünf Hebel für die Praxis

Erstens: Laufbahngespräche ab 55. Wer erst mit 64 über die Pensionierung spricht, verwaltet nur noch den Abgang. Klären Sie jährlich, welche Rolle, welches Pensum und welche Perspektive passen.

Zweitens: Flexible Pensen aktiv anbieten. 60 Prozent der Unternehmen kennen Teilzeitmodelle für Ältere. Entscheidend ist, sie anzubieten, bevor die Frühpensionierung zum Thema wird, nicht erst danach.

Drittens: Senior-Expert-Modelle prüfen. Im Gespräch mit HR Today schlägt Publizist Felix E. Müller Pools vor, in denen Pensionierte als interne Berater oder Coaches auf Stundenbasis weiterarbeiten. Das nimmt den Druck, Wissen auf einen fixen Stichtag hin übergeben zu müssen.

Viertens: Wissenstransfer als Projekt aufsetzen. Ein Transfer funktioniert schlecht, wenn er als Vorstufe zum Abgang daherkommt. Besser ist ein definiertes Projekt mit Zeitraum, Tandem und klarem Ziel.

Fünftens: Neueinstellungen 60 plus prüfen. Kaum ein Betrieb rekrutiert in dieser Gruppe. Entsprechend gross ist das verfügbare Angebot an erfahrenen Fachkräften mit sofort einsetzbarem Know-how.

Die Bereitschaft wäre vorhanden

Gemäss einer im Interview zitierten Umfrage von Swiss Life ist knapp die Hälfte der 55- bis 64-Jährigen grundsätzlich bereit, über das Referenzalter hinaus zu arbeiten. Gewünscht werden meist ein reduziertes Pensum und mehr zeitliche Flexibilität. Beides können KMU einfacher gewähren als Konzerne. Die Führungsfrage lautet also nicht, ob ältere Mitarbeitende wollen. Sie lautet, ob Sie ihnen ein Angebot machen, bevor es die Konkurrenz tut.

Wie Sie Personal- und Führungsthemen konkret angehen, diskutieren Sie mit anderen Führungspersonen an den Seminartagen des KMU Leaders Campus. Impulse zur Führungsarbeit liefert auch unser Netzwerkpartner Swiss Leaders.

Informiert bleiben

Sie wollen Neuigkeiten aus dem KMU Leaders Campus direkt erhalten? Tragen Sie sich ein, und wir halten Sie über kommende Events und Updates auf dem Laufenden.